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Augenmaß in Zeiten der Aufregung: Stephan Zinners furiose Premiere am Nockherberg und ein Singspiel zwischen Größenwahn und WahrheitsanfällenEs ist eine der schwierigsten Aufgaben, die die bayerische Landeshauptstadt zu vergeben hat: das „Derblecken“ auf dem Nockherberg. Nach Jahren unter Maxi Schafroth trat am 4. März 2026 erstmals Stephan Zinner ans Pult in der Hochstraße. Wer einen bloßen Abklatsch seines Vorgängers oder eine reine Fortsetzung seiner früheren Rolle als Söder-Double erwartete, wurde eines Besseren belehrt. Zinner lieferte eine Fastenrede ab, die zwar leiser im Ton, aber umso schärfer in der Analyse der gesellschaftlichen Schieflagen war.
Im Zentrum seiner Predigt stand ein Begriff, der in der aktuellen politischen Landschaft oft wie ein Fremdkörper wirkt: das Augenmaß.
Zinner führte dem Publikum darunter die versammelte bayerische und Teile der Bundesprominenz vor Augen, dass die politische Debattenkultur zunehmend von Extremen und emotionaler Überhitzung gesteuert wird. Mit dem ihm eigenen, oft apokalyptischen Humor sezierte er den Zustand der Republik. „Emotion schlägt Argument, Zugehörigkeit ersetzt Analyse“, konstatierte Zinner und warnte davor, dass dieser „amerikanische Weg“ die Gesellschaft spalte. Besonders eindringlich war sein Bild des Augenmaßes als „scheues Tier“, das in Berlin längst ausgestorben sei, in München in Gefangenschaft lebe und in Brüssel bereits auf der Fahndungsliste stehe.
Natürlich kam auch das klassische „Derblecken“ der Anwesenden nicht zu kurz. Besonders Ministerpräsident Markus Söder, den Zinner jahrelang selbst im Singspiel parodierte, musste einiges einstecken. Zinner thematisierte Söders Hang zur medialen Selbstinszenierung und spottete über dessen optische Verwandlungen: „Sie sind jetzt für mich einfach der Dr. Fu Manchu Bayerns“, rief er dem bayerischen Regierungschef mit Blick auf dessen neue Barttracht zu. Er warf Söder („Satellit im Social-Media-Kosmos“) vor, Politik nach dem „Brummkreisel-Prinzip“ zu betreiben und dabei den Bezug zur Bodenhaftung zu verlieren: „Groß ist, wer sich kleinmachen kann, ohne sich klein zu fühlen“, gab er dem Ministerpräsidenten als mahnendes Zitat des Philosophen Laotse mit auf den Weg. Ein besonderer Moment war das Gespräch mit einer weiblichen Stimme, die als „Gott“ erschien. Zinner bat um billigen Strom und Weltfrieden, woraufhin die Stimme antwortete, der Weltfrieden sei Sache der Menschen, aber Strom könne er haben per Blitzschlag im Bayerischen Wald. Er lobte überraschend den ehemaligen CSU-Chef Erwin Huber, was als dezente Spitze gegen Söders Distanzierung von Hubers Positionen gewertet wurde. Doch Zinner beschränkte sich nicht nur auf die Landespolitik. In einem Rundumschlag gegen die Bundespolitik warf er sowohl Söder als auch dem Unions-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz explizit „Wortbruch und Wählertäuschung“ vor. Auch die früheren Wirtschaftsminister Robert Habeck und Finanzminister Christian Lindner bekamen ihr Fett weg. In einer surrealen Sequenz, in der Zinner mit einer göttlichen Stimme über Weltfrieden und billigen Strom verhandelte, wurde die Ohnmacht der Politik gegenüber den großen Krisen der Zeit persifliert. Die Antwort von „oben“ war ernüchternd: „Den Weltfrieden müssten wir selbst hinkriegen, aber Strom kannst haben“. Ein tieferer, fast schon philosophischer Ernst zog sich durch die Passagen über soziale Gerechtigkeit. Zinner kritisierte die moralische Schieflage bei der Bewertung von Erfolg und Arbeit. Es sei ein Skandal, wenn Geringverdiener um wenige Euro feilschen müssten, während die Anhäufung von Milliardenvermögen ohne entsprechende Gegenleistung als „Erfolgsgeschichte“ gefeiert werde. „Besitz ist ein Zustand, Leistung ist Bewegung“, differenzierte er scharf und erinnerte daran, dass das System von jenen getragen wird, die „jeden Morgen früh aufstehen und vom Lohnzettel nicht fliegen können“. Der neue Fastenredner bewies an diesem Abend, dass er mehr ist als ein begnadeter Parodist. Er ist ein genauer Beobachter, der die bayerische Seele versteht, ohne ihr nach dem Mund zu reden. Sein Plädoyer für den „Bavarian Way“ eine Mischung aus Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und gegenseitigem Respekt wirkte am Ende wie eine heilsame Erinnerung an die eigentlichen Stärken des Landes. Dass am Ende der Rede der gesamte Saal stand und gemeinsam das Lied vom „Augenmaß“ sang, war der emotionale Höhepunkt eines Abends, der Stephan Zinner fest in der Ahnenreihe der großen Nockherberg-Prediger etablierte. Zinner hat das Kunststück vollbracht, die Mächtigen zu kritisieren, ohne sie zu vernichten, und dem Volk den Spiegel vorzuhalten, ohne belehrend zu wirken. Sein Schlusswort hallte noch lange nach: „Augenmaß und Augenhöhe, nicht mehr und nicht weniger.“ Reaktionen: Markus Söder zeigte sich nach der Rede zufrieden und sprach von einem „guten Start“ für Zinner.
Wahrheit mit Wurstkordel: Zwischen Größenwahn und Wahrheitsanfällen am Nockherberg - Singspiel "Wirf das Handtuch, Lindwurm" Das Singspiel am Nockherberg 2026 präsentierte sich als scharfzüngige Bestandsaufnahme der bayerischen Polit-Prominenz, verpackt in pointierte Musiknummern zwischen Größenwahn und Amtsmüdigkeit. Das Stück spielte in einer Welt zwischen Alchemie und schwarzer Magie. Die Politiker-Doubles mussten gemeinsam versuchen, einen „Drachen“ (den Lindwurm) zu bezwingen, der die gesellschaftlichen Probleme symbolisierte. In der Gesamtschau zeichneten die Darsteller ein Bild von Akteuren, die mal mit der eigenen Relevanz, mal mit den harten Realitäten des politischen Alltags kämpften. Dabei kam auch die Bundespolitik kam nicht zu kurz, als Friedrich Merz (David Zimmerschied) und Bärbel Bas (Nikola Norgauer) unter dem Titel "Schwarz und Rot (im Fettnäpchen)" zum Tango baten. Das tänzerische Zusammenspiel von Schwarz und Rot scheiterte jedoch symbolisch an Merz’ „Fettnäpfchen“, das er wortwörtlich am Bein mitschleifte und das Paar zwang, sich im Kreis zu drehen, statt das Land voranzubringen. „Schwarz und Rot bringen das Land in Schwung doch einer ist dumm, weil er geht immer im Kreis herum.“ „Deutschland braucht endlich Begeisterung.“ Den Auftakt der individuellen Machtproben machte dann Hubert Aiwanger (gespielt von Stefan Murr). In seiner Nummer „Ich hab ein Lied am Nockherberg“ zelebrierte er eine ordentliche Portion Selbstinszenierung und feierte seine Bühnenpräsenz als den ultimativen Machtbeweis. Während er genüsslich aufzählte, welche Kollegen von der CSU bis zur Opposition in diesem Jahr leer ausgingen, wischte er Kritik etwa an den Corona-Hilfen für Künstler gewohnt locker beiseite. Die satirische Botschaft war unmissverständlich: Wer ein Lied bekommt, ist relevant; wer keins hat, spielt in Bayern derzeit nur die zweite Geige. Aiwanger brachte es selbst auf den Punkt: „Ich hab ein Lied am Nockherberg und du hast halt keins.“
Ganz andere Töne schlug der als Bettelmönch daherkommende Oberbürgermeister Dieter Reiter (Gerhard Wittmann) an. Er wurde als jemand inszeniert, der nach zwölf Dienstjahren im ewigen Münchner Terminkalender feststeckt. In „Das blöde Glockenspiel“ rechnete er mit der Landeshauptstadt ab, die für ihn nur noch aus Déjà-vus besteht: vom obligatorischen Geldbeutelwaschen über den Kocherlball bis hin zu den Siegesfeiern des FC Bayern auf dem Rathausbalkon. Der Song verdeutlichte, dass der OB den Trubel und das „schirche“ Glockenspiel vor seinem Fenster eigentlich satt hat. Doch trotz aller Amtsmüdigkeit folgte die humorvolle Pointe: Ohne das laute Chaos kann er dann doch nicht sein und bat das Publikum: „Aber bitte wählt mich wieder, denn ich hab so ein Gefühl: Ich könnte nicht mehr leben ohne das laute, blöde, schirche Glockenspiel.“
Eine überraschende Allianz bildeten Katharina Schulze (Sina Reiß) und Michaela Kaniber (Judith Toth). Im Duett „Tief im Herz“ fanden sie eine bizarre Gemeinsamkeit: die Sorge um bedrohte Arten. Dabei vermischte das Stück Naturschutz mit bayerischer Wirtshauskultur. Während Schulze um Feldhamster und Windelschnecken bangte, beweinte Kaniber das Verschwinden traditioneller Gerichte wie Stockwurst oder Kalbskopf von den Speisekarten. Ob ökologische Überzeugung oder kulinarische Tradition für beide stand fest: „Wie arm wär unser Leben ganz ohne Knöchel-Sülz.“ Einen deutlich kühleren Ton schlug Alexander Dobrindt (Wowo Habdank) an. Als „Sheriff von Peißenberg“ widmete er sich gewohnt scharfkantig dem Thema Abschiebung. In einer zynischen Bilanz zählte er Einzelschicksale auf, die trotz Integration das Land verlassen mussten. Der Song kontrastierte christlich-soziale Werte mit harter Realpolitik und Dobrindts Blick auf die Umfragewerte. Sein Fazit blieb ungerührt: „Unser Herz ist riesengroß, nur die Umfragewerte sind zu klein.“
Zum großen Finale schlüpft Thomas Unger als Markus Söder in die Rolle des Barden und versuchte, das Kabinett mit dem Song „Positiv“ auf gute Laune einzuschwören. Doch unter dem Deckmantel des Optimismus kippte die Stimmung: Söder begann plötzlich, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, die so gar nicht zur CSU-Linie passen von der Notwendigkeit der Zuwanderung bis hin zur Zustimmung für ein Tempolimit. Diese „Wahrheitsanfälle“ wurden den Kollegen schließlich zu gefährlich. Wie in dem berühmten Comic-Dorf endete hier auch der bayerische Barde gefesselt am Pfahl, mundtot gemacht durch eine Wurst, um den schönen Schein des „Positiven“ nicht weiter zu gefährden.
Sein letzter klarer Appell blieb im Gedächtnis: „Wir sollten die Leute ernst nehmen und ihnen die Wahrheit sagen: Exportweltmeister werden wir nicht mehr.“„Diese Entscheidung habe ) Fazit: Die Salvatorprobe 2026 kehrte unter Stephan Zinner zu einem eher klassisch-bayerischen Kabarettstil zurück. Während das Singspiel mit seinem „Lindwurm“-Szenario und teils drastischen Bildern (eine blutverschmierte Michaela Kaniber) polarisierte, wurde die Fastenrede im Saal weitgehend als gelungener und harmonischer Neuanfang aufgenommen.
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