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Denkmal am Wiesneingang für die Opfer des Oktoberfest-Attentats (Foto: Martin Schmitz)
Denkmal am Wiesneingang für die Opfer des Oktoberfest-Attentats
Die Tageszeitungen danach (Foto: Martin Schmitz)
Die Schlagzeilen der Tageszeitungen am Morgen nach dem Attentat
Das Denkmal für die Opfer des Oktoberfest-Attentats bis 2007 (Foto: Martin Schmitz)
so sah das Denkmal noch bis 2007 aus
Innenminister Joachim Herrmann und OB Christian Ude gedenken der Toten am 30. Jahrestag 2010 (©Foto: Martin Schmitz)
Innenminister Joachim Herrmann und OB Christian Ude gedenken der Toten am 30. Jahrestag 2010
Feierliche Musik untermalt die Gedenkstunde (Foto: Martin Schmitz)
Feierliche Musik untermalt die Gedenkstunde
Gemeinsam gedenken mit den Wiesnbesuchern auch die Delegationen der Marktkaufleute, der Schausteller und der Wirte (Foto: Martin Schmitz)
Gemeinsam gedenken mit den Wiesnbesuchern auch die Delegationen der Marktkaufleute, der Schausteller und der Wirte
Treffpunkt am Denkmal für die Opfer des Oktoberfest-Attentats (Foto: Martin Schmitz)
Heute trifft man sich am Denkmal, viele, ohne zu wissen, was hier einmal passierte

©alle Fotos: Martin Schmitz

Gedächtnis: Oktoberfest-Attentat 1980 – 46 Jahre nach dem Bombenanschlag auf das Oktoberfest

Der Abend des 26. September 1980: gleich wird nichts mehr ausgeschenkt, es ist bald halb 11. Um dem größten Trubel zu entgehen, geht man schon etwas vor der Zeit. Auch ich war da als Teil einer Gruppe von Studenten aus der Neubiberger Hochschule der Bundeswehr (heute: Universität der Bundeswehr). Es war ein normaler Wiesnausflug bis dahin, mit Fahrgeschäften, gebrannten Mandeln, Hendl und Wiesnbier.

Ein Teil ging schon mal voraus zum Wiesnportal, andere von uns wollten zunächst aber noch einmal pieseln, zurück nach Neubiberg per Tram und S-Bahn gibt’s keine weitere Toilette. Haben wir etwas gehört? Im Nachhinein haben wir es uns eingebildet. Doch war es wirklich so laut hörbar über dem Geräuschlevel der Skooter und Wiesnzelte? Fröhlich ziehen wir dem Wiesnausgang entgegen.

Archiv: Fotogalerie Schausteller und Zelte Oktoberfest 1980, Teil 1, Teil 2 (©Fotos: Martin Schmitz)

An einem Mast lehnt ein Mann, den Kopf etwas herabhängend, sabbernd. Erbrochenes neben ihm am Boden, war da nicht auch etwas Blut dabei? Ungläubiges Staunen und Kopfschütteln, wie weit manche beim Saufen doch gehen, schon sehen wir von hinten Sanitäter anfahren. Die werden sich besser drum kümmern. Weiter gedrängt in Richtung Ausgang.

Am Armbrustschützenzelt vorbei. Es staut sich. Blaulicht weiter vorne zum Ausgang hin, irgendwas scheint passiert, die Leute werden zur Seite gedrückt, umgeleitet an Zelten vorbei, weg vom Ausgang. Doch wir wollen zum Treffpunkt, hier wollten wir uns doch am Ausgang wiederfinden. Also drängen wir weiter geradeaus.

Helles Licht von Scheinwerfertürmen da vorne, was ist los? "Eine Bombe ist hochgegangen", raunt es jetzt immer wieder und von allen Seiten durch die Menge. Oh Gott, unsere Freunde. Wir drängen weiter, kommen an eine Absperrung. Die neue Freundin immer noch an der Hand, was ist hier geschehen?

Eine große freie Fläche, rechts ein roter Feuerwehr-Omnibus, gibt’s denn so was? "Tote hats gegeben", weiß die Menge, Verletzte: einige sieht man, sie werden im roten Bus der Feuerwehr behandelt. Wo kommt der nur so schnell her?

Ein Pferd liegt am Boden, zuckt, Blut quillt? Entsetzen. "Die kümmern sich doch zuerst um die Menschen". Eine Absperrung wird errichtet, wir packen mit an für einige Minuten. Was ist mit meinen Freunden, der Gruppe?

Jemand taucht auf: den Axel hats erwischt, nur ganz leicht an der Schläfe, ganz wenig hat es geblutet, ohnmächtig ist er, die haben ihn schon abtransportiert. Gute Organisation.

Ein anderer aus der Gruppe ist schwerer verletzt, auch schon abtransportiert, fix ging das, perfekt organisiert: am nächsten Tag weiß man mehr, eine Wunde im Bein, die lange Monate nicht richtig heilen soll, einer hat Blut und Hirnteile an seine Lederjacke gekriegt, doch an diesem Abend sehen wir niemanden mehr.

Eine Splitterbombe, die Menge weiß schon mehr. Hat es nicht vor einigen Wochen in Bologna einen ähnlichen sinnlosen Anschlag gegeben, von irgendwelchen neofaschistischen Gruppen? Das hier sieht ganz so nach einer Wiederholung aus, auf heimischem Boden. Hier, im friedlichsten aller München? Beim fröhlichsten aller Feste? Gänsehaut.

Das Entsetzen steigt. Andere raunen, das waren die Linken, Baader-Meinhof, Terroristen, ganz gewiss, das hätten sie eben im Kofferradio gehört. Strauß hätte das gesagt. Gerade in einem Interview im Radio. Die Sozis hätten doch gegen die ganze Terroristenbande zu wenig gemacht.

Wahlkampf 1980, F.J. Strauß will Kanzler werden. »Freiheit oder Sozialismus« lautete die zentrale Parole des Unions-Kandidaten. Um 01 Uhr eilt Strauß mit seiner Tochter Monika zum Tatort, am nächsten Morgen liest man in der "Bild", dass er dem linksliberalen FDP-Innenminister Gerhart Baum "schwere Schuld" vorwirft.

In den Zelten spielte die Musik sogar noch nach 23 Uhr weiter, auf Anordnung von Richard Süßmeier, seinerzeit Sprecher der Wiesnwirte, damit nicht noch mehr Menschen zum Haupteingang strömen. Viele, wohl die meisten Wiesnbesucher bekommen überhaupt nicht mit, dass etwas passiert ist. Handys oder Sachen wie Soziale Medien gibt es noch nicht.

Wir verpassen die letzte Tram-Bahn (die U-Bahn gab es noch nicht), gehen die weite Strecke zu Fuß nach Hause, kommen spät nachts an, können immer noch nicht begreifen, was da gerade abgelaufen ist. Reden noch lange. Bei der Freundin auf dem Sofa eingeschlafen, am nächsten Morgen schnell weiter zur Hochschule, was wissen die anderen?

Die traurige Nachricht hat schon die Runde gemacht, Axel Hirsch ist tot. Axel aus dem Nachbarhaus im Campus.

Einer der Gewindespäne aus dem Behälter um die Bombe, einer britischen Mörsergranate mit 1,39 Kilogramm Sprengstoff, hatte zwar nur eine winzige Wunde an seiner Schläfe verursacht, sich dann aber im Hirn aufgesplittert.

Er verstarb schon kurz nach dem Attentat auf dem Transport, erfuhren wir. Hat wohl gar nichts mehr mitgekriegt. Unfassbares Entsetzen.

Axel, ein ruhiger Mensch, einziger Sohn. Sein Vater war erst einige Jahre zuvor bei einem Unfall ums Leben gekommen. Was für ein Schlag für seine Mutter das gewesen sein muss.

Inzwischen weiß man, der 21-jährige Geologie-Student Gundolf Köhler, Attentäter und überzeugter Rechtsextremist, war Mitglied der rechtsextremen "Wehrsportgruppe Hoffmann". Er hatte den Sprengsatz "gebaut, ihn zum Tatort gebracht und dort gezündet", wie die Bundesanwaltschaft bei der Einstellung der Ermittlungen mitteilte.

Nach der Explosion um 22.19 Uhr liegen in einem Umkreis von 30 Metern zerfetzte Körper, abgetrennte Gliedmaßen und Leichen. 12 Wiesnbesucher, darunter 5 Kinder und Jugendliche, sowie der Attentäter selbst kommen bei dem Anschlag ums Leben, 221 weitere erleiden teils schwerste Verletzungen, die noch nach Jahren weiterer Operationen bedürfen.

Nach dem Anschlag wurde das größte Volksfest der Welt noch einen Tag fortgeführt, das Spiel FC Bayern gegen den HSV stand an, dann für einen Tag am Dienstag geschlossen, doch anschließend lief der Betrieb in Zelten und Fahrgeschäften wieder auf Hochtouren.

Manch einer war damals schon der festen Überzeugung, Franz-Josef Strauß habe sich mit einer gravierenden Fehleinschätzung der Lage und falschen Schuldzuweisung um einen 1980 knapp für möglich gehaltenen Wahlsieg geredet.

Zumindest an der Neubiberger Bundeswehrhochschule, wahrlich keine linke Wählerhochburg, stimmten kurz darauf bei der Bundestagswahl etliche Studenten nicht mehr für den Kandidaten, der das Attentat zu einem politischen Wahlkampf-Statement gegen die "laschen" Linken nutzen wollte und dann doch so gründlich daneben lag.

46 Jahre später erinnert am Wiesneingang ein Mahnmal an das Inferno: frische Blumen an der Gedenktafel zeugen davon, dass das schreckliche Geschehen trotz allen Trubels noch längst nicht vergessen ist, auch wenn viele das Mahnmal schon wieder nur als Treffpunkt für einen schönen Wiesnabend nutzen. Die Namen der Opfer sind auf einer Bronzestele eingraviert.

Alljährlich am 26.09. legt die Stadt München einen Kranz für die Opfer an dem Denkmal nieder.

Widmen Sie den Opfern eine ruhige Minute. Danke.

©Martin Schmitz, Herausgeber ganz-muenchen.de


„Bewusst oder unbewusst wurden alle Spuren und Zeugenaussagen, die der Einzeltätertheorie widersprechen, nicht richtig gewürdigt oder beiseite geschoben. Die offizielle Version ist ein politisch erwünschtes Ermittlungsergebnis, damit keine Zusammenarbeit zwischen Köhler und anderen rechtsradikalen Personen und Strukturen nachgewiesen wird.“
– Werner Dietrich, der als Rechtsanwalt mehrerer Attentatsopfer für eine Wiederaufnahme der Ermittlungen eintrat.


"Dokumentation Oktoberfest-Attentat" links vom Wiesneingang für die Opfer des Oktoberfest-Attentats (Foto: Martin Schmitz)

46 Jahre danach ist diese Terrortat nicht vollständig aufgeklärt, an der These eines verwirrten jugendlichen rechten Einzeltäters gibt es mehr Zweifel denn je.

Nach einem neuen Zeugenhinweis nahm die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen 2014 wieder auf. Im Juli 2020 wurden sie erneut eingestellt, seither gilt der Anschlag offiziell als rechtsextremistisch motivierte Tat. Mittäter oder Hintermänner konnten allerdings auch diesmal nicht nachgewiesen werden.

Tobias von Heymann beschreibt die Hintergründe sehr ausführlich in seinem Buch "Die Oktoberfest-Bombe. München, 26. September 1980". Im Buch werden die Hintergründe der Oktoberfestmorde auf Grundlage bereits veröffentlichter Tatbestände, der betreffenden, bisher aber nicht analysierten "Stasi-Akten", sowie eigener Recherchen des Autors aufgearbeitet.

In der damaligen Birthler-Behörde (heute Stasi-Unterlagen-Archiv im Bundesarchiv) fand man 6.000 bis 8.000 Blatt Akten des DDR-Staatssicherheitsdienstes, der bis ins Detail über die Ermittlungen informiert war: alleine 500 Aktenseiten beschreiben die Beweisstücke.

Doch diese, welche man mit den heutigen Methoden wie DNS-Abgleich etc. wie in anderen spektakulären Fällen noch einmal aufschlussreich hätte untersuchen können, wurden nicht aufgehoben: die Bundesanwaltschaft ließ sie 1997 vernichten, weil man den Fall für durchermittelt hielt.

Bekannt wurde dies erst im Mai 2009, als von der Partei Bündnis 90/Die Grünen eine Anfrage an den Bundestag gestellt wurde, in der u.a. auch nach dem Verbleib der Beweisstücke gefragt wurde.

Kränze der Stadt und der DGB-Jugend, die sich alljährlich um die Feierlichkeiten kümmert (Foto: Martin Schmitz)
Kränze der Stadt und der DGB-Jugend, die sich alljährlich um die Feierlichkeiten kümmert

Samstag, 26. September 2026, 8 Uhr, Denkmal am Haupteingang zur Theresienwiese

Zum 46. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats erinnerten Überlebende, Angehörige sowie Vertreter aus Politik und Stadtgesellschaft eine Stunde vor Öffnung des Festgeländes an die Opfer. Nach der Begrüßung durch Magdalena Wesselly von der DGB-Jugend München sprachen Bürgermeisterin Mona Fuchs und Benedikt Knoche vom Kriseninterventionsteam des Arbeiter-Samariter-Bunds München. Hauptredner war Ramin Assisi, der am 26. September 1980 als Ersthelfer im Einsatz war. Die Gedenkveranstaltung widmete sich in diesem Jahr der Courage und der Belastung der Ersthelferinnen und Ersthelfer, die als Betroffene oft nicht mitgedacht werden.

Im Anschluss folgten die Kranzniederlegung sowie eine Durchsage auf Deutsch, Englisch und Italienisch auf dem gesamten Festgelände, die an die Ereignisse des 26. September 1980 erinnerte und die Namen der Todesopfer nannte.

Die Gedenkveranstaltung wird seit über 40 Jahren von der DGB-Gewerkschaftsjugend organisiert und in Kooperation und mit Beratung durch die Stadt München durchgeführt.

Seit 2020 informiert die Dokumentation Oktoberfest-Attentat am Haupteingang der Theresienwiese über den Anschlag und seine Folgen. Unter www.ofa-dok.de ist dazu eine barrierefreie Webapp abrufbar, die mit einer Sprachausgabe auf Deutsch und Englisch sowie in Leichter Sprache die Dokumentation noch mehr Menschen zugänglich macht.

40. Jahrestag Oktoberfest-Attentat: "Dokumentation Oktoberfest-Attentat" eröffnet am 26. September 2020 (mehr)

Enthüllung Gedenktafel zum Oktoberfest-Attentat am Rathaus am 04.09.2018 (©Foto: Martin Schmitz)
Enthüllung Gedenktafel zum Oktoberfest-Attentat am Rathaus am 04.09.2018 (mehr)


- Noch ein Beitrag zum Thema Wiesn-Attentat 1980, den Sie lesen sollten (externer Link)

Archiv: Fotogalerie Schausteller und Zelte Oktoberfest 1980, Teil 1, Teil 2 (©Fotos: Martin Schmitz)

- Gedenken am Haupteingang auch in 2026: München erinnerte am 26.09.2026 an die Opfer des Oktoberfest-Attentats (mehr)

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- Oktoberfest: Zehn Regeln für eine gemütliche Wiesn (mehr)

Oktoberfest: Gedenkfeier der Opfer des Wiesn-Attentats am 26. September 2010 (Foto: Martin Schmitz)
- Oktoberfest: Gedenkfeier der Opfer des Wiesn-Attentats am 26. September 2010 (mehr)

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