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Kein Hinweis auf eine signifikante Erhöhung des Suizidrisikos in den ersten Monaten der Pandemie – aber eine weitere Beobachtung ist nötig


Eine globale Studie hat die Suizidrate während der COVID-19-Pandemie untersucht, berichtet das Universitätslinikum Frankfurt Mitte April 2021

Sie kommt zu dem Ergebnis, dass in Ländern mit hohem und mittlerem Einkommen die Suizidzahlen in den ersten Monaten der Pandemie weitgehend unverändert geblieben oder zurückgegangen sind. Die Autoren betonen jedoch, dass sich die Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit und die Wirtschaft langfristig zeigen können und deshalb weiter beobachtet werden müssen.

Nur wenige Studien haben bislang die Auswirkungen einer Pandemie auf den Suizid untersucht. Zum ersten Mal haben rund 70 Autoren aus 30 Ländern ihre Erkenntnisse in einer Studie zusammengeführt.

Kein Hinweis auf eine signifikante Erhöhung des Suizidrisikos in den ersten Monaten der Pandemie  (©Foto: iStock KatarzynaBialasiewicz)

Sie sind Mitglieder der International COVID-19 Suicide Prevention Research Collaboration (ICSPRC).

In der Organisation tauschen sie ihr Wissen über die Auswirkungen der Pandemie auf den Suizid und suizidales Verhalten aus und beraten über Möglichkeiten zur Risikominderung.

Aus Deutschland flossen dabei Daten aus Frankfurt, Köln, Leipzig und Leverkusen in die Studie ein.

Die Studie untersuchte die Zahl der Selbsttötungen in 21 Ländern zwischen 1. April und 31. Juli 2020 und verglich sie mit den Trends der vorangegangenen ein bis vier Jahre.

Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass die Suizidzahlen in den ersten Monaten der Pandemie weitgehend unverändert geblieben oder zurückgegangen sind. Die Ergebnisse wurden am 13. April 2021 in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet Psychiatry veröffentlicht.

Die Autoren weisen darauf hin, dass ihre Studie – obwohl sie die bisher beste verfügbare Evidenz zu den Auswirkungen der Pandemie auf den Suizid liefert – nur eine Momentaufnahme der Frühzeit der Pandemie darstellt, und dass mögliche Auswirkungen nicht zwingend sofort auftreten.

Sicherheitsnetze aufspannen

Prof. Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt, ist Co-Autor der Studie.

Er und sein Team beschäftigen sich seit Jahren in Studien mit der mentalen Verfasstheit der Deutschen und haben bereits im ersten Lockdown Daten gesammelt. „Die Ergebnisse unserer globalen Studie klingen erst einmal ermutigend“, so Prof. Reif, „aber die Langzeitfolgen der Pandemie sind noch nicht absehbar. Wir beobachten in den psychiatrischen Einrichtungen tendenziell einen Anstieg an Patientinnen und Patienten. Suizid als Folge der Pandemie kann stark verzögert auftreten. Wir fokussieren uns deshalb nicht nur auf den Ist-Zustand, sondern arbeiten aktiv an der Bereitstellung von Daten, um Suizidprävention zu unterstützen.

Die Entwicklungen zu beobachten und mit profunden Daten zu untermauern, rät auch die Hauptautorin der Studie, Prof. Jane Pirkis, Direktorin des Centre for Mental Health an der Universität von Melbourne. „Wir müssen auf einen Anstieg der Suizidrate achten“, meint Prof. Pirkis, „insbesondere wenn die ganze Härte der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie deutlich wird.“

Der Ausbau von psychiatrischen Diensten und Suizidpräventionsprogrammen sowie die Bereitstellung finanzieller Sicherheitsnetze könnten dazu beitragen, die möglichen längerfristigen schädlichen Auswirkungen der Pandemie auf die Suizidrate zu verhindern.

Bemühungen fortsetzen und wachsam bleiben

Die Autoren der Studie merken an, dass ihre positiven Ergebnisse durch einige der Schritte, die die Regierungen in den verschiedenen Ländern bereits unternommen haben, erklärt werden könnten.

Zum Beispiel wurden in vielen Ländern die psychiatrischen Dienste aufgestockt, um die potenziellen Auswirkungen des Lockdowns auf die psychische Gesundheit und den Suizid abzumildern.

Ebenso wurden von Regierungen Maßnahmen ergriffen, um finanzielle Härten für Menschen abzufedern, die ihren Arbeitsplatz verloren haben oder die ihr Geschäft schließen mussten.

Die Pandemie könnte auch einige Faktoren verstärkt haben, von denen bekannt ist, dass sie vor Suizid schützen, z.B. die Unterstützung durch die Gemeinschaft, neue Online-Kontaktmöglichkeiten, ein kollektives Wir-Gefühl und eine Verringerung des Alltagsstresses für einige Menschen.

Die Autoren betonen, wie wichtig es ist, die Bemühungen, die die Suizidraten bisher offenbar niedrig gehalten haben, fortzusetzen. Die Auswirkungen der Pandemie auf die Suizidrate könnten zwischen den Ländern und innerhalb der Länder sowie im Laufe der Zeit variieren und für verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedlich sein.

Deshalb gelte es, weiter aufmerksam die längerfristigen psychischen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu beobachten, frühzeitig zu intervenieren und in psychische Gesundheitsdienste zu investieren.

Durch kontinuierliche Datenerfassung können geeignete Gegenmaßnahmen ergriffen und ein potenzieller verzögerter Anstieg von Suiziden verhindert werden“, so Prof. Andreas Reif.

Andere Studien haben gezeigt, dass der Anstieg von Suiziden nach einer wirtschaftlichen Rezession mehrere Jahre anhalten kann. Ähnliche Mechanismen könnten auch bei der COVID-19-Pandemie und ihren Nachbeben eine Rolle spielen.

Studienbedingungen und -ausschlüsse

Die Studie nutzte Echtzeit-Suiziddaten aus offiziellen Regierungsquellen. 21 Länder und Regionen waren einbezogen – 16 Länder mit hohem Einkommen und fünf Länder mit mittlerem Einkommen.

Die Daten lagen in zehn Fällen für das gesamte Land und in elf Ländern für insgesamt 25 spezifische Bereiche vor. Die Autoren fanden in keinem der Länder Hinweise auf einen Anstieg der Selbsttötungen.

In zwölf Gebieten gab es Hinweise auf einen Rückgang der Suizide, verglichen mit den erwarteten Zahlen.

Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen, die 46 Prozent der weltweiten Selbsttötungen ausmachen, hat die Studie nicht eingeschlossen.

Es gibt Anzeichen dafür, dass die Pandemie die Suizidraten in diesen Ländern negativ beeinflusst. Aber eine Verifizierung ist schwierig, da nur sehr wenige dieser Länder über qualitative Sterberegistersysteme verfügen und noch weniger Länder Suiziddaten in Echtzeit erheben.

Die Studie hat außerdem nicht den Zusammenhang zwischen Pandemie und Selbsttötungen in verschiedenen Altersgruppen, für Männer gegenüber Frauen und für Menschen verschiedener Ethnien untersucht.

Auch die konkreten Auswirkungen verschiedener öffentlicher Gesundheitsmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und wirtschaftlicher Unterstützungspakete auf die Suizidmuster wurden nicht untersucht. Das soll in zukünftigen Studien geschehen.

Publikation:

Suicide trends in the early months oft he COVID-19 pandemic: an interrupted time-series analysis of preliminary data from 21 countries. Jane Pirkis, Ann John, Sangsoo Shin, Marcos DelPozo-Banos, Vikas Arya, Pablo Analuisa-Aguilar, Louis Appleby, Ella Arensman, Jason Bantjes, Anna Baran, Jose M Bertolote, Guilherme Borges, Petrana Brečić, Eric Caine, Giulio Castelpietra, Shu-Sen Chang, David Colchester, David Crompton, Marko Curkovic, Eberhard A Deisenhammer, Chengan Du, Jeremy Dwyer, Annette Erlangsen, Jeremy S Faust, Sarah Fortune, Andrew Garrett, Devin George, Rebekka Gerstner, Renske Gilissen, Madelyn Gould, Keith Hawton, Joseph Kanter, Navneet Kapur, Murad Khan, Olivia J Kirtley, Duleeka Knipe, Kairi Kolves, Stuart Leske, Kedar Marahatta, Ellenor Mittendorfer-Rutz, Nikolay Neznanov, Thomas Niederkrotenthaler, Emma Nielsen, Merete Nordentoft, Herwig Oberlerchner, Rory C O’Connor, Melissa Pearson, Michael R Phillips, Steve Platt, Paul L Plener, Georg Psota, Ping Qin, Daniel Radeloff, Christa Rados, Andreas Reif, Christine Reif-Leonhard, Vsevolod Rozanov, Christiane Schlang, Barbara Schneider, Natalia Semenova, Mark Sinyor, Ellen Townsend, Michiko Ueda, Lakshmi Vijayakumar, Roger T Webb, Manjula Weerasinghe, Gil Zalsman, David Gunnell, Matthew J Spittal.

The Lancet Psychiatry. April 13, 2021. doi: 10.1016/S2215-0366(21)00091-2 -

©Foto: iStock Katarzyna Bialasiewicz

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